Probe … nicht virtuos aber virtuell

… wie wir es jetzt versuchen … machen … müssen

Dank Covid19 entfallen für uns nicht nur zahlreiche Auftritte; auch die gemeinsame Probe kann nicht stattfinden – und damit ein enorm wichtiger sozialer Prozess, der uns als Band ausmacht. Und da sich ein Ende des Ausnahmezustands nicht abzeichnet, haben wir uns in den letzten Wochen eine Vielzahl von Lösungen angeschaut.
Vieles war mit einem hohen Frustpotential behaftet und auch die aktuell genutzte Lösung arbeitet noch nicht fehlerfrei.

Ein großes Problem ist die Entfernung der Musiker voneinander. Der Fachbegriff ist ‚Latenz‘ – also die Zeit, die ein (Audio)Signal braucht, um vom Absender zum Empfänger zu gelangen. Dabei ist es egal, ob man zum Beispiel in einer großen Halle steht oder über das Internet kommuniziert: in der Halle ist es die Schallgeschwindigkeit, im Internet sind es die verschiedenen elektronischen Komponenten der Signalübertragung.
Konkret bedeutet das: der Schlagzeuger zählt an aber der Rest der Band hört das Signal Milisekunden später; das Signal, dass der Gitarrist ‚zurückspielt‘ kommt wieder mit Verzögerung an.
Solange die Verzögerung nur 20 Milisekunden beträgt, können wir Musiker das noch kompensieren. Bei größeren Latenzen wird eine Probe schwierig bis unmöglich.

Was machen wir nun?

Videokonferenz-Software entfällt. Punkt! Die Latenz beträgt teilweise eine ganze Sekunde.
Also muss spezialisierte Software her und die ist – im Gegensatz zu Videokonferenzen und Chats – eher ein Nischenprodukt. Also stundenlange Recherche auf YouTube und Co. Darunter vielversprechende Kandidaten, wie JamKazam. Aber entweder sind deren Server gerade überlastet oder die Software nicht ausgereift.
Unsere Lösung heißt ‚Jamulus‘. Hier haben wir die Möglichkeit, einen eigenen Server zu betreiben (gar nicht schwer) und den ‚Client‘ (das Programm) gibt es für Mac, Windows und Linux (aber nicht für mobile Endgeräte).
Eine wichtige Voraussetzung ist eine ausreichend schnelle Verbindung aller Geräte. Lebt einer der Musiker in einem ‚Black Hole‘ – also einer Region mit schlechter Internetverbindung, könnt ihr das Ganze schnell vergessen (eine mögliche Lösung skizzieren wir später). Zudem sollten die Computer mittels Netzwerkkabel mit eurem Router verbunden sein; es soll zwar Versuche von Anwendern geben, die auch über WLAN/Wifi eine nahezu verzögerungsfreie Verbindung aufbauen konnten aber wir möchten alle Störfaktoren eliminieren.
Steht die Verbindung, folgt die nächste Hürde: die Mischung aus Instrument, Gesangsmikrofon und Kopfhörer scheint bei einigen Computerkonfigurationen größere Probleme zu verursachen.
Nach dem Start von Jamulus könnt ihr in den Settings (Einstellungen) eure Soundkarte auswählen und da beginnt die Odysee: während Windows Systeme allgemein als pflegeleicht und leicht zu bedienen gelten, hat Microsoft diesen wichtigen Aspekt ‚Audio/Sound‘ offenbar ausgeklammert. Bei den von uns getesteten Windows-Systemen waren so viele unterschiedliche Einstellungsmöglichkeiten vorhanden, dass man schlicht überfordert war.
Wir möchten hier keinen Glaubenskrieg beginnen aber bei den Apple-Systemen scheint das etwas einfacher gelöst zu sein – hier hatten wir kein Probleme zu verzeichnen.
Beim Client für Linux haben wir wenig bis gar kein Expertenwissen; der Versuch, Jamulus als stetig laufenden Server auf einem Raspberry Pi (3b) zu installieren, scheiterte ebenso, wie der Versuch, das ganze als Dockercontainer auf einer Synology-Diskstation zu betreiben. Aktuell läuft der Server daher einfach parallel zu einem ‚normalen‘ Jamulus Client auf einem MacBook. Wer mehr dazu erfahren möchte, schreibt bitte einen Kommentar.
Hilfreich bei den ersten Tests ist ein paralleler Chat und/oder ein Telefonat. Jamulus hat einen Mini-Chat übrigens bereits integriert. Ebenfalls nützlich war der Fernzugriff auf den anderen Rechner. Das haben wir ganz schnöde mit TeamViewer gelöst, da es quasi Industriestandard ist.
Ach ja: damit TeamViewer läuft, sollte der Rechner halbwegs aktuell sein; ein 2008er iMac entfiel, da das Betriebssystem zu alt war und die aktuelle Version von TeamViewer nicht mehr lief. Jamulus ist das prinzipiell ziemlich egal, Hauptsache der Computer ist für die Aufgabe schnell genug.

Ton steht … und nun?

Ein wichtiger Aspekt, der während so einer virtuellen Probe entfällt, ist die (Mikro)Mimik: im Proberaum (und auf der Bühne) sehen wir uns alle gegenseitig und reagieren darauf, wenn jemand z.B. den Kopf schüttelt, lacht oder grimmig/komisch guckt. Um diesen Aspekt einzubeziehen, haben wir beim gestrigen Test zusätzlich Kameras hinzugeschaltet. Da sich die Firma zoom.us mit ihrer Videolösung nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat (aber inzwischen auf die Kritik reagiert) haben wir ‚jitsi meet‘ gewählt. Auf dem Rechner (mit Webcam) braucht man kein Programm zu installieren. Chrome oder Firefox genügen. Für mobile Geräte (Handys und Tabletts) gibt es Apps im jeweiligen iOS oder Android App-Store. Die Konfiguration ist simpel: man vergibt einen ‚Raumnamen‘ (der gerade nicht von jemand anderem benutzt wird). In den Einstellungen sollte man noch ein Passwort vergeben, damit man nicht durch Dritte gestört wird. Wenn alles über die gleiche Internetleitung geht, sollte ggf. auch die Videoqualität etwas herunter gesetzt werden. Auch das eigene Mikrofon sollte in Jitsi ausgeschaltet werden

Großes Hallo, wenn man sich dann endlich (wieder) sieht

Klar bleibt man über Telefon, Mail und WhatApp in Verbindung aber das Wiedersehen mit den anderen Musikern ist ein ganz anderes Erlebnis. Jitsi ermöglicht die Kacheldarstellung aller Videoteilnehmer, die Aufnahme der Videokonferenz sowie einen direkten Livestream z.B. auf YouTube. Allerdings haben wir in Jamulus noch keine Möglichkeit gefunden, eine Aufnahme zu starten.
Bei der Verwendung von Jitsi (oder einer anderen Lösung) wird übrigens schnell deutlich, warum Video als Werkzeug für die gemeinsame Probe entfällt: während wir uns über die Kombination ‚Jamulus plus Kopfhörer und Mikrofon‘ ohne spürbare Verzögerung unterhalten können, sind die (Lippen)bewegungen im Videobild deutlich später zu sehen.

Was machen, wenn das alles fehl schlägt?

Auf die Hürden sind wir jetzt eingegangen und es waren genügend Stolpersteine dabei. Wenn einer davon ein unlösbares Problem darstellt, muss das nicht das Ende bedeuten.
Unser Lösungsvorschlag: ähnlich wie im Tonstudio muss einer der Musiker eine Pilotspur aufnehmen. Das geht auch mit einfachsten Mitteln. Hat man ein Tablett zur Hand, kann man sich ein Mini-Tonstudio installieren. Auf dem iPad wäre GarageBand ein Vorschlag; für Android gibt es sicher ebenfalls Lösungen. Dann benötigt man noch eine USB-Soundkarte und entsprechenden Adapter und kann mit der Aufnahme von Instrument und Stimme beginnen. Auf dem Windows PC gibt es ebenfalls Lösungen wie z.B. Magix, auf den Macs ist GarageBand normalerweise vorinstallliert. Eine der preiswertesten externen Soundkarten, die zuverlässig funktioniert ist die Behringer UM2 (ja, wir wissen, das ist keine Studioqualität). Diese Soundkarte nutzen wir bei zwei Macs übrigens in Kombination mit Jamulus. Hilfreich ist es übrigens, wenn man die Tonaufnahme mit Video kombiniert. Das Ergebnis schickt man dann an die Musikerkollegen, die wiederum ihren Teil aufnehmen. Hier ist Latenz natürlich kein Problem; eher die Kombination der verschiedenen Videos zu einem fertigen Ergebnis. Da die Dateien schnell zu groß für den Versand per Mail werden, ist die umkomplizierteste Lösung ‚WeTransfer‘.

Wie ihr seht: es gibt Möglichkeiten, trotz Corona in Kontakt zu bleiben und vielleicht ergeben sich daraus sogar neue Lösungsansätze für zukünftige Projekte. Lasst Euch von den möglichen Fehlschlägen nicht entmutigen, sondern seht es als Chance. Vielleicht ist dieser Beitrag ja eine Inspiration für andere Bands. Wir sind gespannt auf Eure Rückmeldungen und Fragen (info@reunioncountry.de)

Zum Schluss möchten wir uns einfach bedanken: bei TeamViewer, die ihre Lösung während der Corona-Krise kostenfrei zur Verfügung stellen. Bei den Entwicklern von Jamulus und Jitsi, die ihre Programme ebenso kostenlos anbieten und es uns ermöglichen, trotz Kontaktsperre zu kommunizieren.

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